NN: Wir lagen nicht falsch, als wir es den Fall Syriens nannten. Ein düsteres Jubiläum: Bericht aus Syrien (05.12.2025)

Wie ein westlich provozierter „Regimewechsel“ eine Kulturnation in Chaos und Zerfall gezwungen hat.

Editorische Notiz des Übersetzers:

Dieser Artikel von NN ist ihr dritter Bericht aus Syrien in diesem Jahr. Dieser Artikel erschien am 5. Dezember 2025 auf Syria News. Die deutsche Übersetzung erscheint mit freundlicher Genehmigung der Autorin exclusiv auf Multipolaristen.de.

Unter dem Terrorregime der HTS ist diese Arbeit für sie sehr gefährlich. Wir schätzen ihren Mut, trotz der Gefahr die wirkliche Situation in Syrien unter dem CIA-Mossad-Franchise HTS in die Welt zu bringen.

Die syrische Dame hat uns bereits eindringlich berichtet, wie das Leben unter der westlichen Söldnerbande HTS ist. Sie hat uns gezeigt, daß (wie so oft) die Realität ganz anders ist, als die bunte Hochglanzpropaganda der eingebetteten Medien in Damaskus wie im Westen glauben machen wollen. In diesem Artikel stellt sie knapp und präzise die Auswirkungen auf die syrische Nation dar.



Im Jahr nach dem Fall des „Regimes“, als die Macht von einer Allianz extremistischer Gruppen übernommen wurde, und mit dem raschen Zusammenbruch der staatlichen Institutionen, trat Syrien in eine noch dunklere Phase ein. Angeführt von Kräften, die weder an das Vaterland noch an die Souveränität glauben, sondern an ihre über die Grenzen Syriens hinausgehen ideologischen und finanziellen Interessen, wurde die traditionelle „Tyrannei“ durch ein grenzüberschreitendes Terrorismusmodell ersetzt, welches das Land von einer „strengen Diktatur“ in ein Chaos verwandelte.

Von diesem Moment an begann eine intensive Propaganda für den Begriff „unsere Befreiung“ – als ob Syrien in eine neue Ära der Souveränität eingetreten wäre. Die Realität vor Ort zeigt ein völlig gegenteiliges Bild.
„Befreiung“ ohne Souveränität ist ein Slogan ohne Substanz.

Wahre Befreiung im politischen und verfassungsrechtlichen Sinne basiert auf drei Säulen:

  1. Volle Handlungsfreiheit des Staates über sein gesamtes Territorium.
  2. Einheitliche politische und militärische Entscheidungsfindung.
  3. Ein kollektiver Volkswille, der die Identität der Nation trägt.

Vergleicht man dies mit der heutigen Realität in Syrien, so wurde keines dieser Elemente erreicht. Es gibt keine Souveränität, keine einheitliche Entscheidungsfindung und kein kollektives Projekt. Dennoch tun einige so, als hätte Syrien seine Unabhängigkeit wiedererlangt, während die Landkarte vier tatsächliche Besetzungen und vorherrschenden ausländischen Einfluss in den meisten Gebieten des Landes offenbart.

Die Karte Syriens, wie sie ist … nicht, wie sie bei Feierlichkeiten dargestellt wird:

  • Nordosten: Vereinigte Staaten und separatistische kurdische SDF-Kräfte.
    Eine Region mit separater Entscheidungsfindung, die direkt mit der von Israel kontrollierten amerikanischen Strategie und den Grenzen eines kurdischen Projekts verbunden ist, das nicht mit der Zentralgewalt übereinstimmt.
  • Nordwesten: NATO-Mitgliedstaat Türkei und seine Vielzahl terroristischer Fraktionen.
    Eine vollständige türkische Militär- und Sicherheitspräsenz hat die zentrale Souveränität ersetzt.
  • Süden: Zionistischer amerikanischer und israelischer Einfluss.
    Durch internationale rote Linien kontrollierte Gebiete verhindern jede wirksame staatliche Autorität.
  • Küstenregion: Russische Präsenz.
    Russische Militärstützpunkte sind die größten im östlichen Mittelmeerraum und haben direkten Einfluss auf politische und sicherheitspolitische Entscheidungen.



Auf diese Weise wird das Gerede von „Befreiung“ eher zu einem Marketingbegriff als zu einer greifbaren Realität.

Einheit des Volkes… Die am deutlichsten fehlende Front.

In einer Nation, die innerlich gespalten ist, gibt es keine Freiheit.

Heute erlebt Syrien:

  • Ein kurdisches Unabhängigkeitsprojekt oder eine unabhängige Föderation.
  • As-Suwayda strebt nach erklärter Selbstverwaltung.
  • Die Küste erlebt nach Massakern und anhaltendem Blutvergießen ein Gefühl der Belagerung und Isolation.
  • Die „Sunniten” sind hin- und hergerissen zwischen türkischem Einfluß, amerikanischem Einfluß und Fraktionen mit unterschiedlichen Loyalitäten.


Heute handelt es sich nicht mehr um einen einheitlichen Staat, sondern vielmehr um eine Ansammlung benachbarter Völker, die von zersplitterten Fraktionen regiert werden, von denen jede ihr eigenes, von ausländischen Einflüssen geprägtes Projekt, ihre eigenen Anliegen hat und Kämpfe austrägt, die ihr aufgezwungen werden.

Wie können die Menschen denen folgen, die sie spalten?

Ein Teil der Antwort liegt in der Tatsache, daß das allgemeine politische Bewußtsein in knapp zwei Jahrzehnten Krieg völlig zusammengebrochen ist.

Die Mehrheit begann, sich hinter die lauteste Rhetorik zu stellen, nicht hinter die rationalste. Und die bewußte Minderheit wurde zu einer marginalen Stimme in einem Meer voller Extremismus und leerer Parolen.

Daher erleben wir eine absurde Szene: Menschenmengen, die Persönlichkeiten und Gruppen feiern, die tatsächlich den Zerfall des Landes verursacht und seine politischen Souveränität verkauft haben.
Eine Feier der Befreiung, während das Land aufgeteilt wird, das Volk gespalten ist und die Entscheidungen gekapert werden.

Was mich schmerzt, ist zu sehen, wie meine Kinder gezwungen werden, an dieser falschen Feier teilzunehmen und die Flaggen mit den roten Sternen zu kaufen – diese Flagge, deren Träger den Tod vieler Mitglieder meiner Familie verursacht haben, zuletzt vor zwei Wochen.“

Angesichts dieser Realität gleicht das Feiern der Befreiung dem Feiern eines abgestürzten Flugzeugs, weil es schließlich auf dem Boden gelandet ist.
Befreiung von wem? Und von was? Und für wen?

Syrien steht heute vor einer bitteren Wahrheit: Es gibt keine Befreiung ohne Souveränität, keine Souveränität ohne die Einheit des Volkes, keine Einheit ohne ein echtes nationales Projekt.

Und solange nicht zuerst die Köpfe befreit werden, bevor das Staatsgebiet befreit wird, bleiben alle Gespräche über „Befreiung” nur leeres Gerede, das über einer still zerfallenden Nation schwebt.


NN

ist eine Syrerin, die exclusiv für SyriaNews (www.syrianews.cc) aus Syrien über aktuelle Ereignisse in Syrien berichtet. In deutscher Übersetzung liegen bereits zwei Artikel von ihr auf Multipolaristen.de vor.

Das englischsprachige Original dieses Artikels ist hier veröffentlicht:https://syrianews.cc/we-were-not-wrong-when-we-called-it-the-fall-of-syria/#comment-45902

Deutsche Übersetzung durch Stefan H. Heuer, M.A.