Stefan H. Heuer : Konservatismus als Ulk und Fassade, oder: Besichtigung eines Elendsmilieus (15. Mai 2026)

Der Konservatismus als soziales Instrument von Gesellschaftsingenieuren zur Systemstabilisierung bewährt sich.

Konservatismus
Konservatismus

Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund einen Brief. In meinem vorangegangenen Brief, auf den er sich bezog, hatte ich ihm von Erlebnissen meines Sohnes in seiner Studentenverbindung berichtet. Über diesen Pfad kamen wir auf das Thema des heutigen Konservatismus.

Mein Freund schrieb mir:

“Nach Otto von Bismarck hat der Konservatismus noch stets versagt! Und in der BRD wird er dem fechtenden akademischen Nachwuchs nur als ulkige Erinnerung an einen verflossenen Nimbus gestattet in Form eins linientreuen konservativen Hobbies, das jedes Aufmüpfigwerden mit Ausschluß und damit mit Ächtung bestraft. Die totalitär-libertäre Befehlsausgabe in der BRD duldet alle Geschlechter, aber keine einzige abweichende Haltung! Alle Ansätze in den Burschenschaften sind und bleiben Versatzstücke der Fremdherrschaft im Sinne eines unbeinflußbaren Schicksals in der Hand des Feindes – dem Deutschen Volke und dem Deutschen Reiche gegenüber.”

Dieser Gedanke brachte mich dazu, meine Erfahrungen mit diesem Milieu zu überdenken.

Ich selbst komme aus einer bürgerlichen Familie. Das soziale Umfeld war das des mittelständischen Besitzbürgertums gewesen. In diesen Kreisen verkehrten Akademiker ausschließlich in Form von Professoren der Medizin, Betriebswirten, Anwälten, Architekten, Ingenieuren. Gehobene Beamte, Freiberufler, Selbständige und höhere Angestellte also. Das gemeinsame Wesen dieser materiell privilegierten Angehörigen der bürgerlichen Schichten war das Besitzstreben und die Repräsentanz des eigenen Ichs mittels des zuerkannten Status der erworbenen (oder geliehenen) materiellen Güter sowie des Standes in der sozialen Hierarchie.

Was ist der Konservatismus, wenn nicht eine Ansammlung von Wohlstandsbürgern? Diese fallen seit mindestens 150 Jahren dadurch auf, daß sie sich ihre Behaglichkeit, erreicht durch Fleiß und Einfallsreichtum einerseits, opportunistisches Mitmachen, Buckeln nach “oben” sowie Übervorteilen und Treten nach “unten” andererseits, mit einer aufgemalten Bildungs- und Moralattitüde aus Versatzstücken der Werke der geistig schöpferischen Elite schönreden, und die meinen, ihre eigennützige Charakterlosigkeit zum Allgemeinen Prinzip erheben zu müssen, damit man sie ihnen nicht vorwerfen kann.

Wenn der Philosoph Hegel 1806 den Aggressor Napoleon bewundert und der französischen Armee den Sieg wünscht (vgl. Brief vom 13. Oktober 1806 an Friedrich I. Niethammer), haben wir einen der Grundpfeiler des bürgerlichen Elends auf dem Silbertablett: die Vergötterung der Macht.

Unter der Überschrift „Gemeinwohl hat Vorrang“ (https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2021/fuer-impfpflicht/)  fordert Karlheinz Weißmann, Vorbeter des ‘nationalliberalen’ Zweigs des BRD-Konservatismus, in der Jungen Freiheit, dem Organ dieses Milieus, die Allgemeine Impfpflicht (JF, 48/2021). Staatsbesoffen schließt er im scharfen Duktus des strengen Lehrers der Nation mit dem Befehl: “Ärmel hoch!”. 215 Jahre nach Hegels Begegnung mit Napoleon offenbart der Gymnasiallehrer im Ruhestand seinen Begriff von Freiheit gleich zu Beginn: „Ihre [die Impfpflicht; SH] verpflichtende Einführung sichert die Freiheit – denn diese beruht auf der staatlichen Ordnung.“

Die Freiheit braucht den Staat, der sie bestimmt: bin ich der Einzige, der hier die Hacken knallen hört? Nun, wir hoffen, Herr Weißmann ist gut geboostert, wegen der Viren.

In der DDR sang man „Die Partei hat immer recht“. Für Herrn Weißmann, natürlich nur in edelster Absicht wie einst Hegel die Macht besingend, ist der Staat das Heilige Wesen, das den verunsicherten Bürger schützt und, bitteschön, dafür auch Wohlverhalten erwarten muß.

Der Herr vom Rittergut hat diese Sklavenmentalität zutreffend als „Staatsbürgerkunde aus der Feder eines Ordnungsdenkers“ beschrieben:

Es ist wohl am besten, dieses Plädoyer als das eines Staatsdieners zu begreifen, der Staat, Institutionen, Ordnung, Gehorsam und die Bereitschaft zur Unterordnung auch dann geschützt und gefördert sehen will, wenn sich all das gegen das Volk gekehrt hat. Wer sein Leben lang Lehrer war, Beamter mit Leib und Seele, und nun eine Pension bezieht, der kann Gretchenfragen wohl nicht anders beantworten – es sei denn, er wäre bereit, die Konsequenzen zu tragen.“ (https://archive.org/details/sezession_105/page/n1/mode/2up).

Der Staat der Deutschen ist das Deutsche Reich. Das Deutsche Reich ist seit dem 23. Mai 1945 (durch alliierten Beschluß) mangels Organisation handlungsunfähig. Die auf alliierten Befehl 1949 auf dem westdeutschen Reichsteilgebiet gegründete und 1990 um die mitteldeutsche Kolonie der Sowjetunion vergrößerte BRD ist kein Staat sondern eine alliierte Treuhandverwaltung, nicht mehr als ein vereinigtes Gewerbegebiet, das zudem gerade in Fragen der Vorsorge und Fürsorge nicht ‘versagt’, wie manche unken, sondern sich schlicht als nicht zuständig erklärt, da die BRD eben fremden Interessen dient. Daß Herr Weißmann dies nicht weiß, erscheint unglaubwürdig. Vielleicht hat er diese Sachlage mit Erhalt der ersten Besoldung pflichtschuldig vergessen.

Nun, Karlheinz Weißmann ist ein gemachter Mann. Aber was tun jene, die noch nicht dort sind, wo er schon ist: in sicherer Position oder im pensionsgepolsterten Ruhestand? Jene also, die am Anfang stehen, an der Startlinie, oder vielleicht noch nicht einmal dort, weil sie diese noch nicht gefunden haben? Für sie erlaubt das einsichtige System dem Bürgertum, der hierzulande noch immer tragenden sozialen Schicht, vielfältige Möglichkeiten zu unterhalten, sich im System integrieren zu lassen, indem man sich als für das System dienstbar formen läßt.

Dieses Milieu unterhält nun seine gesellschaftlichen Organisationen, an die jenen anzudocken erlaubt ist, die es aufgrund des Alters noch nicht geschafft haben, die aber über nützliche Charaktereigenschaften und den entsprechenden Willen verfügen, um den materiellen Aufstieg in diesem Milieu zu wollen und zu schaffen. Ihnen bietet sich in den Vereinigungen bürgerlicher Wohlanständigkeit eine heile Welt, in der man lustig sein darf und, ganz nebenbei sozusagen, das Netzwerk für den eigenen Aufstieg knüpfen kann. Die Jungen profilieren sich beim RCDS, den JuLis (Junge Liberale – falls es sie noch gibt) oder, heute seltener, in der Studentenverbindung*. Dort lernen sie die Grundlagen des vorgegebenen bürgerlichen Umgangs und werden auf ihre Tauglichkeit für künftige Einsätze begutachtet. Der junge Mensch bewährt sich, bringt sich ein, lernt, paßt sich an – und dagegen ist an sich gar nichts zu sagen, solange dies auf Freiwilligkeit beruht. Man lockt ihn mit den Möglichkeiten des hierarchischen Aufstiegs, erst in seiner temporären sozialen Gruppe, dann schließlich in der Gesellschaft selbst, in die er sich bereitwillig einfügt und für die er angepaßt wird wie ein Stein für den ihm bestimmten Platz in einer Mauer. Das Ziel und die Werte sind vorgestanzt und fremdbestimmt.

Es ist kein Zufall, daß uns dieses Bild an die Freimaurerei erinnert (s.u.). Wer es beim Aufstieg nicht in die Loge schafft, darf sich bei Rotary und Lions verdingen und sein Ego wie seine profitablen Beziehungen polieren. Und daß es auf der Linken mit den unterstützenden sozialen Institutionen im Grunde nicht anders läuft, kann jeder überprüfen, der im linksgrünen Pfuhl fischt. Dies allerdings vermag weder Trost noch Rechtfertigung zu bieten.

Im herrlichen Österreich war die aufgebaute Sozialisation stets sicher am Personal der politischen Parteien abzulesen: die konservative Volkspartei rekrutierte aus den katholischen Studentenverbindungen (v.a. ÖCV), die Freiheitlichen aus den waffenstudentischen Verbindungen. So war dafür gesorgt, daß diejenigen, die sich bewährt hatten, auch nach oben kamen. Das einstmals revolutionäre Wesen und die Selbstbestimmtheit der Burschenschaften als Vorkämpfer der nationalen Freiheit ist in dieser Lage nur noch an die Corps (“Kränzchen”) angepaßte sinnentleerte – man könnte auch sagen: aus Verrat heraus vergiftete – Pflege gesellschaftlicher Tradition.

Auch die rebellischen Jungens der Burschenschaft wurden mit der Zeit und deren Möglichkeiten (Lockung, Zermürbung, Drohung) in eine Organisation der braven BRD-Konformität angepaßt. Wenn Gestalt auf Inhalt schließen lassen soll, ist die gestalterische wie auch inhaltliche Ähnlichkeit zwischen Korporation und der Freimaurerei (https://www.freimaurerei.de/von-der-bruderschaft-zur-burschenschaft/) kein Zufall, kann man die Vereinigungen der Studenten wohl mit einigem Recht als „Wilde Schößlinge des Freimaurertums“ begreifen.

In den 1920er Jahren standen die Korporationen mehrheitlich in krasser Gegnerschaft zur Weimarer Republik, was nicht verwundern kann: der behütete Teil der Jugend fand sich im knochenharten strukturkonservativen Dünkel zementiert, aber ein Großteil der Studenten war durch die „Stahlgewitter“ (E. Jünger) des maschinellen Weltkrieges gepreßt worden. Diese Studenten hatten als Soldaten im Kriege gedient und nach 1918 als Freikorps-Kämpfer für ihr Ideal von „Deutschland“ im Grenzschutz sowie gegen die Roten gekämpft, während die anständigen Bürger „auf den großherzoglichen Samtsesseln und in den Kneipen von Weimar“ (Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 1924) Deutschland meuchelten, um sich mit Zuhältern, Schiebern und Alliiertenknechten auf die Seite des Sieges zu schleichen.

Heute ist von solcher weltanschaulich basierten Fundamentalopposition gegenüber der Weimarer Republik 2.0 keine Rede mehr; heute betonen Bünde und Dachverbände in ihren Selbstdarstellungen (https://coburger-convent.de/ueber-uns/) freimütig ihr Bekenntnis zur BRD sowie ihre Nützlichkeit für die Erziehung des jungen Menschen im Sinne des Systems. Und die Vorfeldorganisationen der Parteien sowie die steuerfinanzierten Amtskirchen formatieren das beigetretene Jungvolk sowieso auftragsgemäß auf die Linie der deutschfeindlichen Bundesrepublik.

Und so ist die gewachsene Tradition der deutschen Studenten, wie sie sich seit dem Mittelalter entwickelt hatte, heute nicht viel mehr als ein schöner Schein. Daher wird „im Ernste“ eben nicht „der rechte Sinn stets walten“ (https://www.markomannenwiki.de/Lied/O_alte_Burschenherrlichkeit/), wenn die Erziehung des jungen Studenten durch die Erziehungsgemeinschaft nicht zu einem freien, selbstverantwortlichen Menschen, sondern zu einem äußerliche Konventionen abspulenden angepaßten Mitläufer führt.

In diesem Milieu ist es auch möglich, daß ein Alter Herr einer traditionsreichen Rostocker Studentenverbindung in einer linken Szenepostille (https://katapult-mv.de/artikel/maennlich-deutsch-student-oder-was/) seine an die Antifahaltung der Reporterin angepaßte Petzerei gegen andere Bünde in der Hansestadt mit seinen Werten begründet, ohne daß sich der Boden auftut und diesen Charakterhelden verschluckt: „Wir beziehen uns dabei auf unser Demokratieprinzip, das uns verbietet demokratiefeindliche Ansichten zu vertreten. Dabei nehmen wir den Verfassungsschutz als Richtmaß.“

Der das deutsche Volk bespitzelnde Inlandsgeheimdienst der deutschfeindlichen alliierten Besatzungsorganisation BRD als “Richtmaß” des eigenen Handelns: dorthin geht’s… “Oh schöne neue Welt, die solche Menschen hat.”

Und so ist die einst rebellische, freiheitliche deutsche Jugend, zumindest in ihren wohlstandsbürgerlichen Teilen, tatsächlich erstarrt, ist all ihr buntes und lustiges Treiben „ulkige Erinnerung an einen verflossenen Nimbus gestattet in Form eins linientreuen konservativen Hobbies“ und gleichzeitig subtil wirkende Assimiliation an den Wertekanon und das Verhaltensportfolio des antideutschen Establishments.

In ihrer Selbstbeweihräucherung versteht die BRD die Anpassung juveniler Individualität an opportunistisches Spießertum gern als Beweis ihrer integrativen Kraft (https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/barrierefrei_bpb_Info_292_Parteiensystem.pdf). Nichts liegt ferner von der Wirklichkeit als dieses Bild. Nicht die Musterdemokratie der alliierten Besatzungsorganisation BRD integriert die vitalsten Kräfte der deutschen Jugend, sondern die Ansicht einer augenscheinlich notwendigen und darüber hinaus lukrativen Anpassung, gefordert und gefördert von Multiplikatoren, dem dramatischen Bildungsverfall und dem auch in diesem Milieu steigenden ökonomischen Druck. Wie mein Freund richtig schrieb: „Die totalitär-libertäre Befehlsausgabe in der BRD duldet alle Geschlechter, aber keine einzige abweichende Haltung!“

Der Konservatismus mag als idealistische Geisteshaltung scheitern. Als so bezeichnetes soziales Instrument von Gesellschaftsingenieuren zur Systemstabilisierung bewährt er sich.

Die weise Einsicht des schönen deutschen Volksliedes, welches gerne bei den Kommersen und Kneipen der Korporationen gesungen wird, kommt mir immer wieder in den Sinn: „Die Gedanken sind frei“.

Den in der Freimaurerlogik erzogenen Herrschaften mag wohl die dritte Strophe des Liedes (https://www.corpserz.com/kleines-kommersbuch/festliche-lieder/die-gedanken-sind-frei/) behagen (Wein und Mädchen; von hier aus bis zur ikonischen Lindenwirtin ist es ein Katzensprung), über die man dann fleißig die Kernbotschaft des ganzen Liedes vergessen und sich im Abgang sogar behaglich und risikofrei, da vorübergehend, als mutiger Kerl fühlen darf.

Nun, den Pharisäern reicht die rituell besungene Freiheit der Gedanken, zumal sie diese Freiheit durch die Selbstzensur bereits effektiv systemkonform eingehegt haben. Sie dürfen singen…

Uns aber reicht dies nicht. Denn wir erdreisten uns, anders zu sein:

  • Wir fragen nicht nach „Dürfen“ sondern nach „Sollen“.
  • Wir tun, was nötig ist, nicht, was uns erlaubt worden ist.
  • Wir wollen das Echte und nicht das Surrogat.
  • Wir drängen nicht zu Titel, Geld und Status sondern zur Freiheit des Denkens, Redens und Handelns in diesem Leben, in das wir gestellt worden sind.
  • Das Zelebrieren von entkerntem Mummenschanz gibt uns nichts.

Und daher sind wir zwangsläufig aus den feinen bürgerlichen Kreisen verbannt.

So sei es! Denn die Freiheit des Ausgeschlossenen, der von den Attributen der Pharisäer nichts zu gewinnen vermag, ist real. Und darum zerreißen nicht nur unsere Gedanken „die Schranken und Mauern entzwei“.

Stefan H. Heuer, M.A.

geb. 1964, Historiker, hat als Dozent sowie in der Personalentwicklung, u.a. eines international tätigen US-Unternehmens gearbeitet.

Dieser Artikel wurde am 15. Mai 2026 zuerst auf der Substack-Seite des Autors veröffentlicht.

https://stefanhheuer.substack.com/p/konservatismus-als-ulk-und-fassade

* Neben meinem Engagement in der Kommunal-, Partei- und Hochschulpolitik war ich Mitglied einer Studentenverbindung gewesen. Ich war bewußt und gern Korporierter (Verbindungsstudent) gewesen. Nach wie vor halte ich das Engagement eines jungen Menschen in einer Studentenverbindung für sinnvoll. Aus meiner Verbindung bin ich 2014 als Alter Herr ausgetreten, nachdem mir der Altherrenvorstand aufgrund meines publizistischen Eintretens für das Lebensrecht des palästinensischen Volkes Antisemitismus vorgeworfen und betont hatte, für Menschen mit solchen Auffassungen sei im Bund kein Platz.